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Physische Ephemeriden von Mars

In diesem Kapitel sollen für den Planeten Mars einige zusätzliche Daten berechnet werden, die für die Beobachtung nützlich sein können.

Nachstehend werden die folgenden Bezeichnungen verwendet:

Größe Beschreibung
$D_E$ die planetozentrische Deklination der Erde. Ist sie positiv, ist der Nordpol von Mars zur Erde geneigt.
$D_S$ die planetozentrische Deklination der Sonne. Ist sie positiv, ist der Nordpol von Mars beleuchtet.
$P$ der geozentrische Positionswinkel des nördlichen Rotationspols von Mars, auch Positionswinkel der Achse genannt. Dies ist der Winkel, den der Marsmeridian vom Mittelpunkt der Scheibe zum nördlichen Rotationspol (auf der geozentrischen Himmelskugel) mit dem Deklinationskreis durch den Mittelpunkt bildet. Er wird vom Nordpunkt der Scheibe nach Osten gemessen (siehe Abb.1). Per Definition bedeutet ein Positionswinkel von 0° Norden am Himmel, 90° Osten, 180° Süden und 270° Westen.
$q$ Winkelbetrag des größten Beleuchtungsdefekts, angegeben in Bogensekunden
$Q$ Positionswinkel dieses größten Beleuchtungsdefekts
$\omega$ die areografische Länge des Zentralmeridians, von der Erde aus gesehen. Das Wort areografisch bedeutet, dass ein Koordinatensystem auf der Marsoberfläche verwendet wird (Ares = altgriechisch (Kriegs)Gott Mars).

Geometrische Verhältnisse

Abb.1 zeigt als Beispiel das Aussehen von Mars am 1. November 2024 um 00:00 UT. Von der Erde aus gesehen betrug der beleuchtete Anteil der Planetenscheibe 88.7 % (d.h. $k \approx 0.89$).

Abb. 1: Bezeichnungen für den Planeten Mars

  • $N\dots$ Nordpunkt der Marsscheibe (nicht der Nordpol des Planeten!). Die Positionswinkel werden von $N$ nach Osten gemessen.
  • $S\dots$ Südpol des Planeten (direkt hinter dem Rand, daher nicht sichtbar)
  • $A\dots$ nördliches Ende der Rotationsachse
  • $\overline{AS}\dots$ Zentralmeridian von Mars
  • $q = \overline{UV}\dots$ größter Beleuchtungsdefekt in Bogensekunden
  • $Q\dots$ Positionswinkel des größten Beleuchtungsdefekts $N\rightarrow O\rightarrow S\rightarrow V$
  • $P\dots$ Positionswinkel des nördlichen Rotationspols $N\rightarrow O\rightarrow S\rightarrow V\rightarrow A$

Bei der Berechnung dieser Größen ist der Einfluss der Lichtlaufzeit zu berücksichtigen. Um eine höhere Genauigkeit zu erreichen, muss außerdem die Aberration der Sonne von Mars aus gesehen bei der Berechnung von $D_S$ berücksichtigt werden; bei der Berechnung von $P$ sind die Auswirkungen von Nutation und Aberration auf die Marsposition zu berücksichtigen.

Im Laufe der Jahre wurden in den astronomischen Almanachen verschiedene Positionen für den Nordpol des Mars (d.h. die Koordinaten des Punktes auf der Himmelskugel, auf den die Achse zeigt) verwendet.

Nach Lowell und Crommelin (Monthly Notices of the Royal Astron. Soc., Vol. 66, 1905) sind die Rektaszension $\alpha_0$ und die Deklination $\delta_0$ des Nordpols des Mars zu Beginn des Jahres $t$, bezogen auf das mittlere Äquinoktium des Datums, gegeben durch

\[\begin{align} \alpha_0 &= 21^h 10^m + 1\overset{s}{.}565\cdot (t - 1905.0) \\ \delta_0 &= +54^{\circ} 30' + 12\overset{''}{.}60\cdot (t - 1905.0) \end{align}\]

Diese Position des Nordpols wurde 1909 angenommen. Von 1968 bis 1980 verwendete die Astronomical Ephemeris jedoch die von G. de Vaucouleurs (Icarus, Vol. 3, Seite 243, 1964) ermittelte Position zu Beginn des Jahres $t$ mit

\[\begin{align} \alpha_0 &= 316\overset{\circ}{.}55 + 0\overset{\circ}{.}006750\cdot (t - 1905.0) \\ \delta_0 &= +52\overset{\circ}{.}85 + 0\overset{\circ}{.}003479\cdot (t - 1905.0) \end{align}\]

Man beachte den Unterschied von $1^{\circ}39'$ zwischen den beiden Werten von $\delta_0$, für die gleiche Epoche $1905.0$. Kürzlich angenommen sind gemäß M.E. Davies (Report of the IAU Working Group on Cartographic Coordinates and Rotational Elements of the Planets and Satellites 1982), die Werte

\[ \left. \begin{array}{l} \alpha_0 = 317\overset{\circ}{.}342 \\ \delta_0 = +52\overset{\circ}{.}711 \end{array} \right\} \quad \text{Äquinoktium 1950.0 und Epoche J1950.0} \]

\[ \left. \begin{array}{l} \alpha_0 = 317\overset{\circ}{.}681 \\ \delta_0 = +52\overset{\circ}{.}886 \end{array} \right\} \quad \text{Äquinoktium 2000.0 und Epoche J2000.0} \]

Aus diesen Werten leitete man die folgenden Ausdrücke für die Länge und Breite des Nordpols des Mars ab, bezogen auf die Ekliptik und das mittlere Äquinoktium des Datums:

\[\begin{align} \lambda_0 &= 352\overset{\circ}{.}9065 + 1\overset{\circ}{.}17330\cdot T \\ \beta_0 &= +63\overset{\circ}{.}2818 - 0\overset{\circ}{.}00394\cdot T \end{align}\tag{1}\label{glg_01}\]

wobei $T$ wie gewohnt die Zeit in julianischen Jahrhunderten ab der Epoche $J2000.0$ ist. In der Herleitung wurden die Präzession der Rotationsachsen von Erde und Mars berücksichtigt.

Berechnung

Für einen gegebenen Zeitpunkt $t$ können die Werte von $D_E, D_S, P, \omega$ usw. wie folgt berechnet werden.

Schritt 1

Man berechne den julianischen Ephemeridentag $JDE$ und damit $T$. Damit ergeben sich $\lambda_0, \beta_0$ gemäß Glg. $\eqref{glg_01}$

Schritt 2

Man berechnet die heliozentrischen Koordinaten $l_0, b_0$ sowie den Radiusvektor $R$ der Erde, bezogen auf die Ekliptik und das mittlere Äquinoktium des Datums, beispielsweise mithilfe der Planetentheorien VSOP87 oder DE200, wie sie (gekürzt) in diesem Kapitel vorgestellt wurden.

Schritt 3

Nun berechnet man die entsprechenden heliozentrischen Koordinaten $l,b,r$ von Mars, jedoch für den Zeitpunkt $t - \tau$, wobei $\tau$ die Lichtlaufzeit vom Mars zur Erde ist:

$$\tau = 0.0057755183\cdot\Delta\quad \text{in Tagen}\tag{2}\label{glg_02}$$

Da die geozentrische Entfernung $\Delta$ zum Mars im Voraus nicht bekannt ist, sollte sie im Schritt 4 iterativ ermittelt werden, als Startwert kann $\Delta = 0$ verwendet werden.

Schritt 4

Man berechnet nun die rechtwinkeligen Koordinaten $x, y, z$ und dann die Marsdistanz $\Delta$ zur Erde mit Hilfe von

\[\begin{align} x &= r\cdot\cos b \cdot\cos l - R\cdot\cos l_0 \\ y &= r\cdot\cos b \cdot\sin l - R\cdot\sin l_0\tag{3}\label{glg_03} \\ z &= r\cdot\sin b - R\cdot\sin b_0 \end{align}\]

\[\Delta = \sqrt{x^2 + y^2 + z^2} \gt 0\tag{4}\label{glg_04}\]

Hier sollte die oben erwähnte Iteration mit Startwert $\Delta = 0$ erfolgen. Die Iteration der Schritte 3/4 sollte so oft durchgeführt werden, bis sich die Lichtlaufzeit $\tau$ nicht mehr merklich ändert. Meistens sind 2 Iterationen völlig ausreichend.

Schritt 5

Die geozentrische ekliptikale Länge und Breite von Mars sind damit gegeben durch

\[\begin{align} \tan\lambda &= \frac{y}{x}\tag{5}\label{glg_05} \\ \tan\beta &= \frac{z}{\sqrt{x^2 + y^2}}\tag{6}\label{glg_06} \end{align}\]

Zu beachten ist hier die quadrantenrichtige Berechnung durch Anwendung der $\text{arctan2}$-Funktion.

Schritt 6

Mit diesen Daten berechnet man nun die planetozentrische Deklination der Erde mit

\[\begin{align} \sin D_E &= -\sin\beta_0\cdot \sin\beta - \cos\beta_0\cdot\cos\beta\cdot \cos (\lambda_0 - \lambda)\tag{7}\label{glg_07} \\ D_E &= \text{arcsin}(\dots ) \end{align}\]

Ist $D_E$ positiv, ist der Nordpol von Mars der Erde zugeneigt.

Schritt 7

Der Längengrad $\Omega$ des aufsteigenden Knotens der Marsbahn ist nun mit ausreichender Genauigkeit

$$\Omega = 49\overset{\circ}{.}5581 + 0\overset{\circ}{.}7721\cdot T\tag{8}\label{glg_08}$$

Korrigiert wird anschließend $l$ und $b$ um die Aberration der Sonne vom Mars aus gesehen:

\[\begin{align} l' &= l - \frac{0\overset{\circ}{.}00697}{r}\tag{9}\label{glg_09} \\ b' &= b - 0\overset{\circ}{.}000225 \cdot \frac{\cos (l - \Omega)}{r}\tag{10}\label{glg_10} \end{align}\]

Schritt 8

Die planetozentrische Deklination $D_S$ der Sonne ist damit

\[\begin{align} \sin D_S &= -\sin\beta_0\cdot \sin b' - \cos\beta_0\cdot\cos b'\cdot \cos (\lambda_0 - l')\tag{11}\label{glg_11} \\ D_S &= \text{arcsin}(\dots ) \end{align}\]

Ist $D_S$ positiv, wird der Nordpol von Mars von der Sonne beleuchtet.

Schritt 9

Wenn $JDE$ der julianische Ephemeridentag ist (Schritt 1, dynamische Zeitskala), der dem gegebenen Zeitpunkt entspricht, berechnet man nun den Winkel $W$ (in Grad) aus

$$W = 11\overset{\circ}{.}504 + 350\overset{\circ}{.}89200025\cdot (JDE - \tau - 2433282.5)\tag{12}\label{glg_12}$$

Dabei ist $\tau$ die Lichtlaufzeit zum Mars, die mit der Iteration im Schritt 3/4 bestimmt wurde. $W$ wird für die Berechnung des Zentralmeridians benötigt (Schritt 12).

Schritt 10

Man ermittelt die mittlere Schiefe der Ekliptik $\varepsilon_0$ mit Hilfe dieser Formel. Danach verwendet man die folgenden Ausdrücke, um die Äquatorialkoordinaten des Pols $\alpha_0$ und $\delta_0$ aus den Ekliptikkoordinaten $\lambda_0$ und $\beta_0$ zu bestimmen.

\[\begin{align} \tan\alpha_0 &= \frac{\sin\lambda_0\cdot\cos\varepsilon_0 + \tan\beta_0\cdot\sin\varepsilon_0}{\cos\lambda_0}\tag{13}\label{glg_13} \\[1.2ex] \sin\delta_0 &= \sin\beta_0\cdot\cos\varepsilon_0 + \cos\beta_0\cdot\sin\varepsilon_0\cdot\sin\lambda_0\tag{14}\label{glg_14} \end{align}\]

Zu beachten ist wieder die quadrantenrichtige Berechnung durch Anwendung der $\text{arctan2}$-Funktion für die Rektaszension $\alpha_0$.

Schritt 11

Nun berechnet man die Größen $u, v, \alpha, \delta$ und $\zeta$ mit

\[\begin{align} u &= y\cdot\cos\varepsilon_0 - z\cdot\sin\varepsilon_0\tag{15}\label{glg_15} \\[1.2ex] v &= y\cdot\sin\varepsilon_0 + z\cdot\cos\varepsilon_0\tag{16}\label{glg_16} \\[1.2ex] \tan\alpha &= \frac{u}{x}\tag{17}\label{glg_17} \\[1.2ex] \tan\delta &= \frac{v}{\sqrt{x^2 + u^2}}\tag{18}\label{glg_18} \\[1.2ex] \tan\zeta &= \frac{ \sin\delta_0\cdot\cos\delta\cdot\cos (\alpha_0-\alpha) - \sin\delta\cdot\cos\delta_0} {\cos\delta\cdot\sin(\alpha_0 - \alpha)}\tag{19}\label{glg_19} \end{align}\]

Auch hier müssen über die Funktion $\textrm{arctan2}$ die Winkel $\alpha, \delta, \zeta$ im korrekten Quadranten ermittelt werden. $\delta$ liegt im Intervall $[-90^\circ , 90^\circ]$.

Schritt 12

Nun findet man die Länge $\omega$ des Zentralmeridians von Mars mit

\[\omega = W - \zeta\tag{20}\label{glg_20} \]

Gegebenenfalls wird ein großer Winkelwert mit der Reduktions-Funktion auf das Intervall $[0^\circ , 360^\circ]$ gebracht.

Schritt 13

Die Nutationswerte in Länge ($\Delta\psi$) und Schiefe ($\Delta\varepsilon$) werden ermittelt, wie es z.B. hier erläutert wird. Es sollen nur die wichtigsten Terme verwendet werden, eine Genauigkeit von z.B. $0\overset{''}{.}01$ ist hier nicht erforderlich.

Eine ausreichende Methode zur Bestimmung von $\Delta\psi$ und $\Delta\varepsilon$ ist hier z.B. die folgende:

\(\begin{align} \Omega &= 125\overset{\circ}{.}04452 - 1934\overset{\circ}{.}136261\cdot T \\ L &= 280\overset{\circ}{.}4665 + 36000\overset{\circ}{.}7698\cdot T \\ L' &= 218\overset{\circ}{.}3165 + 481267\overset{\circ}{.}8813\cdot T \end{align}\)

\(\begin{align} \Delta\psi =& -17\overset{''}{.}20\cdot\sin\Omega \\ &- 1\overset{''}{.}32\cdot\sin (2\cdot L) \\ &- 0\overset{''}{.}23\cdot\sin (2\cdot L')\\ &+ 0\overset{''}{.}21\cdot\sin (2\cdot\Omega) \\[1.2ex] \Delta\varepsilon =& +9\overset{''}{.}20\cdot\cos\Omega \\ &+ 0\overset{''}{.}57\cdot\cos (2\cdot L) \\ &+ 0\overset{''}{.}10\cdot\cos (2\cdot L') \\ &- 0\overset{''}{.}09\cdot\cos (2\cdot\Omega) \end{align}\)

Die Genauigkeit beläuft sich etwa auf $0\overset{''}{.}5$ für $\Delta\psi$ und $0\overset{''}{.}1$ für $\Delta\varepsilon$.

Schritt 14

Die Korrektur für die Aberration der Koordinaten $\lambda$ und $\beta$ (Schritt 5) erfolgt über:

Korrektur für $\lambda$: $\Delta\lambda_{Ab} = 0\overset{\circ}{.}005693\cdot\frac{\cos (l_0 - \lambda )}{\cos\beta}$

Korrektur für $\beta$: $\Delta\beta_{Ab} = 0\overset{\circ}{.}005693\cdot \sin (l_0 - \lambda )\cdot\sin\beta $

Die neuen Koordinaten sind nun

\[\begin{align} \lambda &= \lambda + \Delta\lambda_{Ab} \\ \beta &= \beta + \Delta\beta_{Ab} \end{align}\]

Auf eine neue Variablenbezeichnung wurde hier verzichtet.

Schritt 15

Die Korrektur für die Nutation, berechnet in Schritt 13, erfolgt mittels

  • Addition von $\Delta\varepsilon$ zur mittleren Ekliptikschiefe: $\varepsilon = \varepsilon_0 + \Delta\varepsilon$.
  • Addition von $\Delta\psi$ zu $\lambda_0$ und $\lambda$.

Schritt 16

Jetzt können die ekliptikalen Koordinaten $\lambda_0,\beta_0$ bzw. $\lambda,\beta$ mit Hilfe der Transformationsgleichungen aus Schritt 10 mit Glg $\eqref{glg_13}$ und Glg. $\eqref{glg_14}$ in die äquatorialen Koordinaten umgerechnet werden, wobei nun $\varepsilon$ anstelle von $\varepsilon_0$ verwendet wird.
Man erhält die „gestrichenen“ Koordinaten $\alpha_0',\delta_0'$ sowie $\alpha',\delta'$.

Schritt 17

Der Positionswinkel $P$ von Mars kann nun berechnet werden über

\[\tan P = \frac{\cos \delta_0'\cdot \sin (\alpha_0' - \alpha')}{\sin \delta_0'\cdot\cos\delta' - \cos\delta_0'\cdot\sin\delta'\cdot\cos (\alpha_0' - \alpha')}\tag{21}\label{glg_21}\]

Auch hier wird wieder die Funktion $\textrm{arctan2}$ für den korrekten Quadranten verwendet.

Schritt 18

Mit $\odot = l_0 + 180^{\circ}$ findet man mit ausreichender Genauigkeit die Rektaszension $\alpha_{\odot}$ und Deklination $\delta_{\odot}$ der Sonne in äquatorialer Form:

\[\begin{align} \tan\alpha_{\odot} = \frac{\cos\varepsilon\cdot\sin\odot}{\cos\odot}\tag{22}\label{glg_22} \\[1.2ex] \sin\delta_{\odot} = \sin\varepsilon\cdot\sin\odot\tag{23}\label{glg_23} \end{align}\]

Mit den äquatorialen Koordinaten $\alpha, \delta$ von Mars erhält man jetzt den Positionswinkel des beleuchteten Anteils über die Beziehung

\[\tan\chi = \frac{\cos\delta_{\odot}\cdot\sin (\alpha_{\odot} - \alpha)}{\sin\delta_{\odot}\cdot\cos\delta - \cos\delta_{\odot}\cdot\sin\delta\cdot\cos (\alpha_{\odot} - \alpha)}\tag{24}\label{glg_24}\]

Wie immer ist die quadrantenrichtige Berechnung durch Anwendung der $\text{arctan2}$-Funktion zu beachten. Damit ergibt sich der Winkel des größten Beleuchtungsdefekts zu

\[Q = \chi + 180^{\circ}\tag{25}\label{glg_25}\]

Schritt 19

Den Beleuchtungsgrad $k$, den Phasenwinkel $i$ sowie den Beleuchtungsdefekt $q$ in Bogensekunden kann man schließlich wie folgt ermitteln. Mit den Größen aus den Schritten 2-4

  • $R\dots$ Radiusvektor Erde-Sonne
  • $r\dots$ Radiusvektor Mars-Sonne
  • $\Delta\dots$ Radiusvektor Mars-Erde

erhält man

\[\begin{align} k &= \frac{(r + \Delta)^2 - R^2}{4\cdot r\cdot\Delta}\tag{26}\label{glg_26} \\[1.3ex] i &= \text{arccos}(2\cdot k - 1)\tag{27}\label{glg_27} \\[1.2ex] q &= (1 - k)\cdot\frac{9\overset{''}{.}36}{\Delta}\tag{28}\label{glg_28} \end{align}\]

Der scheinbare Durchmesser $\varnothing$ des Marsscheibchens in Bogensekunden ist gegeben durch

\[\varnothing = \frac{9\overset{''}{.}36}{\Delta}\tag{29}\label{glg_29}\]

Beispiel

 Man berechne die physischen Parameter von Mars für den 1.11.2024 um 01:00 mitteleuropäische Zeit (MEZ)!


Im Beispiel wurden alle Formeln mittels JavaScript ausgewertet und alle Kommastellen stehen gelassen, um dem Leser beim Nachvollziehen der Berechnung diese Werte anzugeben. In der Praxis ist es natürlich absurd, so viele Kommastellen anzugeben! Werte für Winkel werden in der Regel auf 6 Kommastellen gerundet. Für die julianische Tagzahl $JDE$ genügen 5 Kommastellen, da $0\overset{d}{.}00001 = 0\overset{s}{.}864$ sind. Für die Größe von $T$ sollten jedoch alle verfügbaren Nachkommastellen mitgezogen werden!

Schritt 1

Der Zeitpunkt in Weltzeit ist zu ermitteln über

$UT = MEZ - 1^h = \text{1.11.2024, 00:00}$

Damit ist die julianische Tagzahl gegeben mit $JD = 2460615.50000$.

Im Jahr 2024 betrug die Größe $\Delta T = 69^s$, die Umrechnung in die dynamische Zeitskala ergibt daher

$JDE = 2460615.5 + \frac{69^s}{86400\frac{s}{d}} = 2460615.500798611$

$T = \frac{JDE - 2451545.0}{36525} = 0.248336777511594$

Aus Glg. $\eqref{glg_01}$ erhält man damit

\(\begin{align} \lambda_0 &= 352\overset{\circ}{.}9065 + 1\overset{\circ}{.}17330\cdot 0.248336777511594 \\ &=353\overset{\circ}{.}1978735410543 \\[1.2ex] \beta_0 &= +63\overset{\circ}{.}2818 - 0\overset{\circ}{.}00394\cdot 0.248336777511594 \\ &= 63\overset{\circ}{.}2808215530966 \end{align}\)

Schritt 2

Die heliozentrischen Koordinaten der Erde mittels der gekürzten Version der VSOP87D ergeben für diesen Zeitpunkt

\(\begin{align} l_0 &= 39\overset{\circ}{.}06273806683021 \\ b_0 &= 0\overset{\circ}{.}00006870926906889533 \\ R &= 0.99256512378959\;AU \end{align}\)

Schritt 3+4 - Iteration

Beginnend mit dem Startwert $\tau = 0$ folgt nun die Iteration für die heliozentrischen Koordinaten $l,b,r$ von Mars, hier wieder mit der gekürzten VSOP87D:

\(\begin{align} l &= 79\overset{\circ}{.}59474228674117 \\ b &= 0\overset{\circ}{.}9205813680129968 \\ r &= 1.5430344522175643\;AU \end{align}\)

Daraus die rechtwinkeligen Koordinaten und die Distanz zur Erde

\(\begin{align} x &= -0.4920329841773085\;AU \\ y &= 0.8919774735792239\;AU \\ z &= 0.024789948995184635\;AU \\ \Delta &= 1.0189871502930674\;AU \end{align}\)

Es ergibt sich die Lichtlaufzeit $\tau$ mit Glg. $\eqref{glg_02}$ zu

\(\begin{align} \tau &= 0.0057755183\cdot 1.0189871502930674 \\ \tau &= 0\overset{d}{.}005885178933982461 \end{align}\)

Eine weitere Iteration mit der neuen Lichtlaufzeit liefert für den Zeitpunkt $JDE - \tau$ die Werte

\(\begin{align} l &= 79\overset{\circ}{.}59174867097863 \\ b &= 0\overset{\circ}{.}9204975317394188 \\ r &= 1.5430269585324943\; AU \\ x &= -0.49195504654193656\;AU \\ y &= 0.891955578695361\;AU \\ z &= 0.02478757110303109\;AU \\ \Delta &= 1.0189302949000207\;AU \end{align}\)

und damit wiederum die neue Lichtlaufzeit

\(\begin{align} \tau &= 0.0057755183\cdot 1.0189302949000207 \\ \tau &= 0.005884850564619466\;\text{Tage} \end{align}\)

Die neue Lichtlaufzeit unterscheidet sich nur mehr um

\(\begin{align} \delta\tau &= (0.0058851789 - 0.0058848505)\cdot 86400\frac{s}{d} \\ &= 0\overset{s}{.}02837\dots \end{align}\)

von der vorherigen. Es ist keine weitere Iteration mehr erforderlich und $l, b, r, \Delta$ sind nun ermittelt.

Schritt 5

Die quadrantenrichtigen Werte der geozentrischen ekliptikale Länge und Breite von Mars sind damit gegeben durch Glg. $\eqref{glg_05}$ und Glg. $\eqref{glg_06}$

\(\begin{align} \lambda &= 118\overset{\circ}{.}87878182673875 \\ \beta &= 1\overset{\circ}{.}393974971264482 \end{align}\)

Schritt 6

Mit $\lambda_0, \beta_0$ und $\lambda, \beta$ ergibt sich die planetozentrische Deklination der Erde mit Glg. $\eqref{glg_07}$

\( D_E = +13\overset{\circ}{.}912623892060958 \)

Der Winkel ist positiv, daher ist der Mars-Nordpol der Erde zugeneigt.

Schritt 7+8

Die Korrekturen für die Aberration aus Glg. $\eqref{glg_08}$, $\eqref{glg_09}$ und $\eqref{glg_10}$ ergeben

\(\begin{align} \Omega &= 49\overset{\circ}{.}749840825916706 \\ l' &= 79\overset{\circ}{.}58723157556338 \\ b' &= 0\overset{\circ}{.}9203710495766494 \end{align}\)

Aus Glg. $\eqref{glg_11}$ erhält man damit die planetozentrische Deklination der Sonne mit

\( D_S = -2\overset{\circ}{.}444927340403547 \)

Dieser Winkel ist negativ, der Nordpol von Mars ist daher nicht beleuchtet.

Schritt 9

Winkel $W$ mittels Glg. $\eqref{glg_12}$ und der letzten Lichtlaufzeit $\tau$ aus Schritt 4 ergibt

\(W = 180\overset{\circ}{.}76211252436042\)

Schritt 10

Die mittlere Schiefe der Ekliptik ist

\(\begin{align} \varepsilon_0 &= 23\overset{\circ}{.}43606169587258 \\ &=23^{\circ} 26' 9\overset{''}{.}822 \end{align}\)

und damit die äquaorialen Koordinaten des Mars-Nordpols aus Glg. $\eqref{glg_13}$ und $\eqref{glg_14}$

\(\begin{align} \alpha_0 &= 317\overset{\circ}{.}8495059177696 \\ \delta_0 &= 52\overset{\circ}{.}97321580604198 \end{align}\)

Schritt 11+12

Die Gleichungen $\eqref{glg_15}$ bis $\eqref{glg_19}$ liefern dann

\(\begin{align} u &= 0.8085145925292456 \\ v &= 0.37749613470104837 \\ \alpha &= 121\overset{\circ}{.}31916375294065 \\ \delta &= 21\overset{\circ}{.}74539504022043 \\ \zeta &= 254\overset{\circ}{.}20099926623485 \end{align}\)

Die Länge $\omega$ des Zentralmeridians von Mars ist mit Glg. $\eqref{glg_20}$

\(\begin{align} \omega &= -73\overset{\circ}{.}43888674187443 \\ &= 286\overset{\circ}{.}5611132581256 \end{align}\)

Schritt 13

Die in der Info-Box unter Schritt 13 angegebenen Gleichungen liefern eine schnelle Berechnung der Nutation in Länge und Schiefe. Das $\Omega$ dort ist die Länge des aufsteigenden Knotens des Mondes und nicht zu verwechseln mit dem $\Omega$ aus Gleichung $\eqref{glg_08}$!

\(\begin{align} \Omega &= -355\overset{\circ}{.}2726463250633 \\ &= 4\overset{\circ}{.}727353674936694 \\ L &= 9220\overset{\circ}{.}781660068713 \\ &= 220\overset{\circ}{.}78166006871288 \\ L' &= 119734\overset{\circ}{.}83126187434 \\ &= 214\overset{\circ}{.}83126187433663 \end{align}\)

\(\begin{align} \Delta\psi &= -2\overset{''}{.}904407781184809 \\ \Delta\varepsilon &= 9\overset{''}{.}198308808973538 \end{align}\)

Schritt 14

Die Korrekturwerte für die Aberration lauten

\(\begin{align} \Delta\lambda_{Ab} &= 0.0010068724282974745 \\ \Delta\beta_{Ab} &= -0.00013631196172840247 \end{align}\)

und damit die korrigierten Koordinaten $\lambda,\beta$

\(\begin{align} \lambda &= 118\overset{\circ}{.}87878182673875 + 0\overset{\circ}{.}0010068724282974745 \\ &= 118\overset{\circ}{.}87978869916704 \\ \beta &= 1\overset{\circ}{.}393974971264482 - 0\overset{\circ}{.}00013631196172840247 \\ &= 1\overset{\circ}{.}393838658872459 \end{align}\)

Schritt 15

Die wahre Schiefe der Ekliptik sowie die um $\Delta\psi$ nutationskorrigierten Längen sind

\(\begin{align} \varepsilon &= 23\overset{\circ}{.}43606169587258 + \frac{9\overset{''}{.}198308808973538}{3600} \\ &= 23\overset{\circ}{.}43861678165285 \\ &= 23^{\circ} 26' 19\overset{''}{.}02 \\[1.2ex] \lambda_0 &= 353\overset{\circ}{.}1978735410543 + \frac{-2\overset{''}{.}904407781184809}{3600}\\ &= 353\overset{\circ}{.}1970667611151 \\ \lambda &= 118\overset{\circ}{.}87978869916704 + \frac{-2\overset{''}{.}904407781184809}{3600} \\ &= 118\overset{\circ}{.}87898191922781 \end{align}\)

Schritt 16

Unter Verwendung von $\varepsilon$ in den Gleichungen $\eqref{glg_13}$ und $\eqref{glg_14}$ ergeben sich jeweils die „gestrichenen“ äquatorialen Koordinaten zu

\(\begin{align} \alpha_0' &= 317.84653996204025 \\ \delta_0' &= 52.97126318950295 \\ \alpha' &= 121.31987389068405 \\ \delta' &= 21.747403068529177 \end{align}\)

Schritt 17

Der geozentrische Positionswinkel $P$ des nördlichen Rotationspols von Mars über Glg. $\eqref{glg_21}$ ergibt

\(P = 349\overset{\circ}{.}8349135338297\)

Schritt 18

Die äquatorialen Koordinaten der Sonne sind mit den Gleichungen $\eqref{glg_22}$ und $\eqref{glg_23}$

\(\begin{align} \odot &= l_0 + 180^{\circ} \\ &= 39.06273806683021 + 180^{\circ} \\ &=219\overset{\circ}{.}0627380668302 \\ \alpha_{\odot} &= 216\overset{\circ}{.}67251290318305 \\ \delta_{\odot} &= -14\overset{\circ}{.}516619217649755 \end{align}\)

Der Positionswinkel des beleuchteten Anteils mithilfe von $\alpha_{\odot},\beta_{\odot}$ und $\alpha,\beta$ von Mars über die Glg. $\eqref{glg_24}$ ergibt

\(\chi = 101\overset{\circ}{.}68618697811458 \)

Damit ist der Positionswinkel $Q$ des größten Beleuchtungsdefekts aus Glg. $\eqref{glg_25}$

\(\begin{align} Q &= 101\overset{\circ}{.}68618697811458 + 180^{\circ} \\ &= 281\overset{\circ}{.}6861869781146 \end{align}\)

Schritt 19

Den Beleuchtungsgrad $k$, den Phasenwinkel $i$, den Beleuchtungsdefekt $q$ sowie den scheinbaren Durchmesser von Mars erhält man sukzessive über die Gleichungen $\eqref{glg_26}$ bis $\eqref{glg_29}$:

\(\begin{align} k &= 0.8870227181010483\approx 88.7\% \\ i &= 39\overset{\circ}{.}281431489354766\approx 39\overset{\circ}{.}28 \\ q &= 1\overset{''}{.}0378210991144872\approx 1\overset{''}{.}04 \\ \varnothing &= 9\overset{''}{.}186104335938328\approx 9\overset{''}{.}19 \end{align}\)

Vergleich mit der Astronomiesoftware GUIDE
Größe Dieses Beispiel GUIDE 8
$\omega$ $286\overset{\circ}{.}56$ $286\overset{\circ}{.}54$
$D_E$ $+13\overset{\circ}{.}9126$ $+13\overset{\circ}{.}9121$
$D_S$ $-2\overset{\circ}{.}445$
$P$ $349\overset{\circ}{.}83$ $349\overset{\circ}{.}83$
$k$ $0.8870$ $88.70 \%$
$i$ $39\overset{\circ}{.}28$ $39\overset{\circ}{.}28$
$q$ $1\overset{''}{.}04$
$\varnothing$ $9\overset{''}{.}19$ $9\overset{''}{.}18$
mars_physisch.1752972566.txt.gz · Zuletzt geändert: 2025/07/20 02:49 von hcgreier

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